Moin,
ich habe es geschafft und bin wohlbehalten in Stettin angekommen.
Vielen Dank für die zur Verfügungstellung dieses tollen Tracks. Hat mir richtig Spaß gemacht!
Ich wünsche allen Hanse Gravel Pilotinnen und Piloten alles Gute, freie Fahrt, stets genug Luft auf den Reifen und dass ihr gesund und guter Dinge in Stettin ankommt! Das wird bestimmt ein richtig tolles Gemeinschaftserlebnis. Freue mich, Euch ein wenig virtuell verfolgen zu können. Am Samstag werde ich noch bis ca 16 Uhr auf der Velo Berlin sein. Mit ganz viel Glück bekomme ich ja sogar einen oder eine von euch noch zu sehen. Würde mich sehr freuen!
Liebe Grüße,
Tag 5
Nach einer ruhigen Nacht freue ich mich über das relativ trockene Zelt und noch mehr über das 4-lagige und herzallerliebst gemusterte Toilettenpapier. So ein schönes hatte ich noch nie auf Reisen.
Der Weg bis Anklam ist für Asphalt Piloten ideales Revier. Wer jetzt noch kann, kann hier schnelle Kilometer machen. Von Anklam führt die Trail Schleife zurück durch ein Naturschutzgebiet. Eine urig- bizarre Moorlandschaft, durch welche ein Deich-Radweg führt. Zu rockigen Klängen rollt es sich wunderbar und mir geht es saugut. Tänzelnd das ein oder andere Foto gemacht und mitgegrölt zu "Sabotage" und "Are you gonna go my way?“.
Vor mir liegt eine kleine tote Feldmaus. Mein Schweizer Taschenmesser hat damit aber nichts zu tun. Vielleicht war sie auch auf dem Hanseatenweg unterwegs und hat sich übernommen? Sicher dient sie als Mahnung für all jene, die den nicht für Warmduscher geeigneten Hanse Gravel ab Donnerstag fahren werden und dabei nicht wie meiner einer herum bummeln, sondern das Ganze wohlmöglich in einem Drittel der Zeit wegschnupfen.
Bei einer netten Sitzgelegenheit findet sich versteckt in einem Baum ein kleines Gästebuch. Es wird aufgefordert, sich doch bitte einzutragen. Dem entspreche ich doch gerne.
Von Leopoldshagen bis Mönkebude liegt ein Hammer Singletrail, der geballert werden muss. Die Schmerzen der Achillessehne vergessend und die Zähne zusammenbeißend wird noch mal Druck auf die Pedalen gegeben und der Trail so schnell genommen, wie die eigene Körper- und Radbeherrschung es zulassen.
Ich rolle in Mönkebude wie ein Gladiator in die Arena ein. Am liebsten würde ich die Arme hochreißen, mein Schweizer Taschenmesser gegen den Himmel strecken und mich gebührend von den Einwohnern des Dörfchens feiern lassen. Nur dass keiner im Vorgarten steht und mir mit einem Fähnchen winkt. Was solls? Ich jedenfalls schmecke schon ein wenig den kommenden Sieg.
In Ueckermünde wird auf dem Marktplatz ein DDR Jägerschnitzel einverleibt. Schon auf der Bank sitzend, bekomme ich mit, wie ein wohl Obdachloser versucht, für seine 80 Cent eine Bratwurst zu bekommen. Die Verkäuferin bietet ihm stattdessen einen Kaffee an, der sonst mit einem Euro zu Buche schlägt. Als der Martin sich eine Bank weiter setzt, erlaubt er es mir, ihn auf eine Bratwurst einzuladen. Er bedankt sich mit den Worten: "Vielen Dank, der liebe Herr." Seine Hände zittern, obwohl er nicht nach Alkohol riecht. Vielleicht ist er auf etwas stärkerem. Methadon oder so. Wie auch immer er in diese Lage gekommen ist, ob verschuldet oder unverschuldet, tut er mir einfach leid. Während ich rein zu Freizeitzwecken mal eine Nacht auf dem Feld verbracht habe, leben Menschen wie er Tag für Tag auf der Straße. Nur meist ohne Isomatte und Schlafsack. An Martin werde ich im Laufe des Tages noch einige Male denken müssen.
Aus der Brot - und Feinbäckerei Mietzner hole ich für später ein Stück Bienenstich. Ein alteingesessene, kleiner Laden. Gleich hinter dem Tresen ist durch die geöffnete Tür die Backstube zu sehen. Darüber steht: "Hier kommt die Ware nicht vom Band, hier schafft man noch mit Herz und Hand". Und das ganze zu sehr moderaten Preisen. Auf die Geschäftszeiten sind old-school. Werktags bis 17 Uhr geöffnet und sonnabends von 6 Uhr bis 10 Uhr. Der Bäckermeister ist bereits 63 Jahre alt, ein Nachfolger nicht in Sicht. Damit wird auch diese Bäckerei wahrscheinlich bald verschwunden sein.
Irgendwann stehen nur noch 50 Restkilometer auf dem Tacho. Jetzt wird runter gezählt. 50 km, 40 km, 30 km.
Die letzten deutschen Dörfer werden unter die Räder genommen: Glashütte, Grünhof und Blankenese. Und rein nach Polen. Noch 25 km.
Bis Stettin ist es auf polnischer Seite sehr unangenehm zu fahren. Es herrscht starker Autoverkehr und hier wird scheinbar noch weniger für die Radwege Infrastruktur getan als in Deutschland. Man ist dem Verkehr schutzlos ausgesetzt, besonders zum Rand hin sind viele Schlaglöcher zu finden. Und die Autos überholen erwartungsgemäß knapp.
Ich freue mich jedenfalls, als das Navi mich in Stettin rechts in den Wald und abseits des Straßenverkehrs führt. Ein- zweimal verheddere ich mich, doch dann erreiche ich um 18.15 Uhr mein Tagesziel: das Novotel in Stettin.
Laut meinem Wahoo sind 603 km zusammen gekommen und seit Samstag sind 102 Stunden vergangen. Bestimmt habe ich es gegenüber dem einen oder anderen schon erwähnt. In der achten oder neunten Klasse stand in meinem Realschulzeugnis: "Björn trug gegenüber den Anforderungen des Faches Sport demonstrative Gleichgültigkeit zur Schau." Auch vor diesem Hintergrund habe ich mich respektabel geschlagen und kann zufrieden sein.
Ich freue mich schon darauf, die Teilnehmer des Hanse Gravel nach Start am Donnerstagmorgen virtuell verfolgen zu können. Ich schicke für die Interessierten mal einen Screenshot mit, auf welchem die Teilnehmer schon jetzt als Punkt erkennbar sind. Nennt sich Dot-watching. Da ist dann auch zu sehen, wann wer wo welche Geschwindigkeit fährt. Ich nehme an, der letzte Abschnitt wird zu den schnelleren gehören, denn mit kaum Steigung lässt er sich flott fahren. Auch ich war ausnahmsweise heute mal schneller als in den letzten beiden Tagen.
Die erste, größere Etappe ist geschafft. Jetzt geht es morgen und übermorgen noch bis nach Berlin, genauer zur Velo Berlin.
Ein Fahrrad wird wohl doch nicht gekauft, aber vielleicht eine neue Klingel. Denn zur Feier des Tages habe ich mich entschlossen, statt auf dem Campingplatz im Hotel zu nächtigen. Das neben dem Novotel gelegene Ibis wurde im Internet gebucht, da ich - Schussel, der ich nun mal bin - weder meine Kreditkarte dabei habe noch polnische Zloty. Ich muss gestehen, dass ich das überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, dass die Polen eine eigene Währung haben. Mit der Allgemeinbildung ist es bei mir leider nicht so weit her. Zu "Wer wird Millionär?“ brauche ich mich jedenfalls nicht anzumelden, um mich dort der Lächerlichkeit preiszugeben.
Bei der Buchung des Zimmers ist dann allerdings das ein oder andere schiefgegangen. Doch all die Details zu erwähnen wäre zu ermüdend. Und der Schmerz ist noch zu frisch. Im Nachhinein wäre der Campingplatz nicht nur die um den Faktor zehn günstigere Alternative gewesen, sondern wohl auch deutlich stressfreier. Um das wieder halbwegs zu kompensieren, werde ich wohl die nächsten zwei Nächte wieder im Feld schlafen müssen.
Nun denn... Ich will mich nicht grämen, denke noch mal an Martin und genieße meine heiße Dusche und das weiche Bett.
Moin ihr Hanse Gravel Piloten,
ich hoffe, der Bericht des 4.Tages kommt zu euch durch. Die Netzabdeckung ist nicht immer 1a.
Liebe Grüße,
Björn
Tag 4
Um kurz vor Sieben wird aufgesattelt. Drei Tageskilometer auf dem Tacho und ich stelle fest, die Wasservorräte sind aufgebraucht. Dabei hätte ich die auf dem Hof, der mir eine Schlafstelle zwischen Dung und schwerem landwirtschaftlichen Gerät gewährt hat, leicht füllen können. Es gab eine Milchtankstelle samt Waschbecken. Zu spät ð.
Schon kurz darauf findet sich aber eine der beliebten Friedhofs-Wasserentnahmestellen.
Gestern hat mich meine Frau noch gefragt, wann ich denn zuletzt geduscht habe. Ich bin mir jedoch sicher, dass nach einer Nacht unter Kühen es eine Dusche nicht mehr raus reißt. Davon abgesehen: ich rieche mich nicht. So schlimm kann es nicht sein.
Nach wenigen Metern offenbart der Track wieder seine ganze Schönheit. Verschlungene Pfade und ab in den Wald. Licht bricht durch das Blätterdach. Der Duft frisch geschlagenen Holzes. Das gedämpfte Abrollgeräusch der Reifen auf dem Waldboden. Und Rehe. Ich sehe sie, sie sehen mich. Und schon sind sie wieder weg. Stille. Na ja, beinahe. Mein Atem geht schwer, die Pedale quietschen und die Kette schreit nach Öl. Davon ab, einfach wunderschön.
Kurz vor Ende des 3. Teilabschnitts des Hanse Gravel findet sich ein kleiner Supermarkt mit angeschlossenem Imbiss. Gelobt sei der allgemeine Werktag! Denn es ist offen. "Essen wie bei Muttern" verheißt das Schild des Imbisse "Arndt". Es gibt Rührei mit Brötchen für 2,50 € und einen Kaffee für 1 €. Das ganze in einem maximal schmucklosem Ambiente. Eine nach Holzvertäfelung aussehende Tapete und an der Wand der Liqui Moly Kalender, der es gekonnt schafft, eine Verbindung zwischen Sportwagen und leicht bekleideten und lasziv dreinschauenden Frauen herzustellen. Warum assoziiere ich mit ihren Blicken bloß die Kühe, die mich gestern Abend aus dem Stall angeschaut haben? Keine Ahnung. Aber ich mag Kühe.
Übrigens schmeckt es mir nicht wie bei Muttern, sondern sogar besser. Das betrifft sowohl das Rührei als auch den Kaffee. Liebe Mama, falls du mitliest, bitte entschuldige. Aber was wahr ist, soll wahr bleiben.
Auch der kleine Laden nebenan ist ein wahres Kleinod. Ein auf das wesentliche beschränkte Sortiment, angeschriebene Preise und Warenwelten, wie sie heute nur selten vorzufinden sind. Da steht der Honig "Flotte Biene" direkt neben dem Kräuterschnaps "Jagdglück". Der Mann an der Kasse fragt, wo ich denn“ herkomme und noch in will?“
"Ich fahre den Hanseatenweg. Kennen Sie den?“
" Nee... bei uns heißt das anders." ðĪĢ
Wieder durch ein schönes Stück Wald geht es bis nach Wolgast, der nun siebten Hansestadt auf dem Trail. Zeit für ein zweites Frühstück auf dem Marktplatz in der Sonne. Auf dem Gang zur Toilette, lese ich an der Wand: "In unseren Backstuben werden Nacht für Nacht 500 Tassen Kaffee getrunken". Respekt!
Einen Tisch weiter sitzt eine Mutter mit ihrer schon lange erwachsenen Tochter. Die beiden sprechen miteinander bzw brüllen sich an. Nicht wirklich unfreundlich. Scheint nur ihre Art der Kommunikation zu sein. Die Mutter sagt: "Für dich ist die Pflegeeinrichtung das Beste." Die Tochter grummelt irgendetwas. Ich frage mich, ob die Pflegeeinrichtung nicht auch etwas für die Mutter wäre, so wie sie sich gebärdet ðĪ. Dann geht es minutenlang hin und her. Irgendein Bekannter, der sich morgen melden möchte. Der Mutter passt das nicht.
"Na, da wird er schon sehen. Bin halt nicht da."
"Er meldet sich aber."
"Na und? Mir doch egal.“
Das geht beinahe so endlos weiter wie meine täglichen Berichte. Auf der Weiterfahrt nach Usedom frage ich mich, ob meine unschönen Gedanken die beiden betreffend, dem Gedanken des Hanseatenweges und der europäischen Völkerverständigung ausreichend Rechnung tragen... ðĪ
Ich grüble... Und auf einmal höre ich das Rauschen des Meeres. Ich kann nicht anders, ich muss einen Blick auf das Wasser werfen und einen Moment am weißen Sandstrand genießen.
Der Fahrradweg auf Usedom ist ein Traum. Es geht in einem mehr oder weniger sanften (bis 16 % Steigung) Auf und Ab parallel zur Küste durch den Wald. Eine tolle Strecke, nicht ganz ohne Verkehr, aber heute gut fahrbar. Natürlich sind auch etliche E-Biker dabei. Schon von weitem sind sie gut an ihrer auf dem Rad thronenden Haltung zu erkennen. Mit breitem Lenker, aufrecht sitzend, stets ein Helmchen auf und einer Lage Kleidung mehr auf dem Leib, ziehen sie langsam pedalierend, trotz Wind und Steigung, an mir vorbei. Es sei ihnen gegönnt.
Dafür, dass ich mich heute morgen doch sehr lädiert gefühlt habe, macht das Radeln sehr viel Spaß. Abgesehen von leichte Schmerzen im rechten Knie, überall Verspannungen, tauben Finger und der ein oder anderen wunden Stelle. Aber ich will nicht jammern. Ist ja selbst gewähltes Leid. Meine ohnehin schon sehr geringe Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt allerdings weiter von Tag zu Tag.
In Petersdorf führt der Radweg wieder mit Blick aufs Wasser durch schon etwas größere Menschenansammlungen. An einigen Abschnitten wird aufgefordert, abzusteigen. Langsam und mit viel Obacht wähle ich meinen Weg, ohne jemanden auch nur zu behindern. Eine Dame ruft aus einigen Metern Abstand: "Absteigen!" Das Land ist schön, aber die Mentalität muss man schon mögen.
Es gibt noch mal ordentlich Wind und auch Sand von vorn. Ohne Radfahrer Brille nicht übermäßig angenehm.
Auf dem Weg nach Zirchow befindet sich eine eingezäunten Golfanlage. Bevor es dahinter in den Wald geht, muss ein Tor geöffnet werden. Darauf steht in drei Sprachen: "Tor immer geschlossen halten". Die Golfer wollen wohl nicht, dass die Waldhasen sich auf ihrem so schön gepflegten Rasen erleichtern.
Im nächsten Dorf warnt ein Schild an einem Zaun: "Wir holen nicht die Polizei." Hübsch verziert mit dem Symbol einer Pistole und eines Baseball Schlägers. Oder ist das ein Golfschläger?
Hinter Zirchow wird es nochmal flowig. Der Weg als solcher ist nicht immer sofort zu erkennen, besteht er auch schon mal nur aus einer Fahrrille auf der Wiese. Man holpert über steinige Pisten und ein andermal lässt es sich auf dem Sand wie auf Wellen surfen. Abschnitte, die ich vor 1-2 Jahren als nicht fahrbar eingestuft hätte, machen jetzt richtig Laune. Auch wenn mein Hintern anderer Meinung zu sein scheint.
Ich komme an einem DDR Museum vorbei. Scheint in privater Hand zu sein. Hätte wohl Lust, da einen Blick rein zu wagen...
Der Himmel zieht zu und es droht zu stürmen. Durch das diffusere Licht grünt es im Wald irgendwie noch grüner ð
In Usedom verproviante ich mich. Für mich wird es heute nur noch bis zum Campingplatz in Karnin gehen. Das letzte Stück ist landschaftlich ganz wunderbar, ringt mir dann aber auch die letzten Reserven ab.
Auf dem Platz stelle ich fest, es gibt gar keinen Campingplatz. Nur 3 zu Stellplätzen umfunktionierte Parkplätze, ein wenig Wiese und ein verschlossenes Sanitärhaus. Ich quatsche die Insassen des einzigen Wohnmobils an und eröffne, dass ich mein Zelt hinten auf der Wiese aufbaue. Nur das sie sich nicht erschrecken. Sollten sie Hilfe brauchen - keine Sorge, ich bin mit einem Schweizer Taschenmesser bewaffnet. Wir rufen auch nicht die Polizei. Sichtlich erleichtert verrät mir der Wohnmobilist den Pin für Dusche und Toiletten. Es ist die 1111. Nur falls ihr mal in der Nähe seid.
Ich dusche, versorge meine Wunden und esse zu Abend auf den zum geschlossenen Imbiss gehörenden Bänken mit Blick aufs Wasser. Wenn es jetzt noch Internet gäbe... es wäre kaum auszuhalten.
Moin,
Bericht anbei...
Tag 3
Dann fange ich mal damit an, wie weit ich gestern Nacht noch gekommen bin. Nämlich nicht sehr weit. Nur ein paar Kilometer aus Rostock raus, schon gleich hinter Häschendorf, entschließe ich, die Nacht auf dem Felde zu verbringen. Wie meine Frau später am Telefon mitteilt, wäre in Häschendorf ein Campingplatz gewesen. In der Dunkelheit muss ich das Campingplatz Symbol übersehen haben. Außerdem ist es nun Mitternacht und ich will die anderen Camper nicht durch das lärmende Aufbauen meines Zeltes wecken. Und überhaupt: für die paar Stunden möglicherweise so viel wie auf dem ersten Platz bezahlen? 14 €? Ohne mich.
Auf einer wirklich vereinsamten Landstraße biege ich aufs Feld ein und suche mir eine halbwegs ebene Stelle, auf welcher ich meine Isomatte ausbreite. Zum Zeltaufbau fehlt mir Kraft und Lust. Nächste Woche werde ich 43. Und heute verbringe ich tatsächlich die erste Nacht meines Lebens unter freiem Himmel. Wurde aber auch mal Zeit.
Es ist absolut still und ich schaue mir einige Minuten die Sterne am Firmament an. Ein Gefühl von grenzenloser Freiheit kommt auf. Ich bin dankbar. Aber gleichzeitig wohl wissend, dass meine Frau das Morgen nicht so entspannt sehen wird wie ich.
Um sechs Uhr in der Früh werde ich wach. Mir ist richtig kalt. Der Schlafsack ist nass, es hat sich sogar Raureif darauf gebildet. Der Blick auf mein Tacho verrät, dass es - 1.7 Grad kalt ist. Für diese Temperaturen ist mein Schlafsack eigentlich nicht ausgelegt. Da ich aber in voller Montur samt Jacke, Hose, Handschuhe, Mütze und Halstuch geschlafen habe, bin ich nicht erfroren und habe die erste Nacht in Teilzeit Obdachlosigkeit gut hinter mich gebracht.
Meine Frau sieht im WhatsApp Status, unter welch desolaten Verhältnissen ich gezwungen war zu nächtigen. Sofort ruft sie mich an. Das wäre doch wohl verantwortungslos und überhaupt viel zu gefährlich. Eigentlich müsste ich jetzt den gestern gehörten Satz bringen "Ich bin das Haupt" und hinten angehängt ein bestimmtes "So!", doch ich traue mich nicht. Ich will sie nicht weiter verärgern, bin ich doch sehr froh, dass sie mich überhaupt von der Leine gelassen hat. Ich versuche mehr oder weniger erfolglos, sie ein wenig zu beruhigen.
"Jesus und seine Jünger haben damals doch auch unter freiem Himmel genächtigt".
"Ja, aber da war es noch nicht so gefährlich." "
" Na, das wage ich aber zu bezweifeln."
"Und die haben doch Schwerter gegen wilde Tiere gehabt."
"Ich habe doch auch ein kleines Schweizer Taschenmesser, mit welchem ich mich den Angriffen der gemeinen Feldmaus erwehren kann." ðĪŠ
Wie auch immer. Mir ist jedenfalls nicht entgangen, dass die beste Ehefrau von allen es wohl lieber hätte, wenn ich heute Nacht einen Campingplatz an steuere.
In Richtung Ribnitz-Damgarten radele ich mich warm und komme bei strahlendem Sonnenschein am Wasser an. Zeit für einen Kaffee und Frühstück. Wie praktisch, dass hier eine öffentliche Toilette ist, in welcher ich die Wasservorräte auffüllen und das Geschirr später reinigen kann. Und Strom ist auch vorhanden. Trotz dessen, dass der Kaffee eine leicht röstige Note hat, weil mir das Gulasch gestern Abend etwas angebrannt ist, schmeckt er hervorragend. Bin erstaunt, dass ich es noch nicht einmal schaffe, eine Dose Gulasch fehlerfrei zu erwärmen.
Nach Hamburg, Lübeck und Rostock ist die Hansestadt Stralsund das nächst größere Ziel. Ich gravel mich auf abwechslungsreichen Pfaden durch diverse kleine Dörfer. Macht Laune.
Ich stelle fest, dass für Fahrradfahrer Friedhöfe eine ganz neue Bedeutung bekommen. Hier liegen zwar die Toten, doch spenden diese oft hübsch angelegten Orte auch regelrecht Leben. Sind sie doch immer eine willkommene Gelegenheit, die Trinkflaschen aufzufüllen.
In Velgast steht an einer Lärmschutzwand "Make Velgast great again". Das kleine Dörfchen wird dieses Jahr 777 Jahre. Vielleicht knüpft es ja zukünftig wieder an die sicher großartige Vergangenheit an.
In Bussin stehen rechts des Weges mehrere Bienenstöcke. Davor der warnende Hinweis, doch vorsichtig zu sein. Letztes Jahr auf Korsika wurde nicht vor den Bienen gewarnt. Wäre dort von verantwortungsbewussten Menschen auch ein solches Schild aufgestellt worden, so hätte ich mir zwei bis drei Bienenstiche erspart.
Was mir heute wirklich fehlt sind Einkaufsmöglichkeiten. Aufgrund des Ostermontages haben nicht einmal die wenigen Läden, die an der Strecke liegen, auf. Meine Vorräte erschöpfen sich zusehends. Ich muss über Essen in sämtlichen Variationen nachdenken... Da erblicke ich den Hoyer Tank-Treff in Martensdorf. Und auch noch offen! Was für ein Geschenk! Es gibt lecker Bockwurst, Kaffee und Schokolade. Schließlich will ich mich gesund und abwechslungsreich ernähren. Bevor ich allerdings den Laden betreten habe, war ich zum Glück noch so geistesgegenwärtig, meine zu eng sitzende Windweste zu öffnen. Schon peinlich genug, damit herumzufahren.
Ich erreiche die Hansestadt Stralsund und Rolle einfach hindurch weiter straight ahead Greifswald. Es folgt eine nicht enden wollende Gerade. Der Wind von vorn, die Straße zwar schön anzuschauen, aber wegen des kleinteiligen Kopfsteinflasters nur leidlich zu befahren. Mit lächerlichen 10 bis 12 km/h stampfen ich müde und lustlos gegen den Wind an. Ich frage mich das erste Mal, warum ich diese Tortur auf mich nehme. Und ob es tatsächlich Leute gibt, die hier entlang wandern. So öde. Und der Verkehr rauscht dazu munter auf der parallel verlaufenden Landstraße. Ich stöpsel die Kopfhörer ein und lege einen Podcast auf. Jetzt einfach weitermachen, sage ich mir.
Was bin ich froh, kurz vor Greifswald wieder auf vernünftigen Asphalt fahren zu können. Bei Erreichen Greifswalds, also der nächsten Hansestadt, klart das Gemüt wieder auf. Ich möchte auf den direkt an der Route liegenden Campingplatz nächtigen. Vorher geht es aber in die Klosterschenke, um zu speisen. Ein Google Rezensent bemerkt, dass Essen schmecke wie vor der Wende. Bei 2 vergebenen Sternen meint er das wohl nicht unbedingt positiv.
Mich erfreut bei Ankunft der nette Parkplatz für Drahtesel. So muss das. Der Laden ist urig und alles, selbst die Toilette, wirkt wie vor der Wende. Wobei ich das nur vermuten kann, bin ich doch das erste Mal erst vor einigen Jahren im Osten gewesen.
"Bei uns gibt es immer ein Buch zu lesen. Guckt man nicht so auf die Uhr, bis das Essen kommt", spricht der Wirt Jochen und legt ein Buch über Greifswald aus 2006 auf den Tisch.
Ich entscheide mich für ein Schnitzel au-four - ein mit Würzfleisch überbackenes Schnitzel. Und als Abschluss die" DDR Quarkspeise". "Hab ich mir schon gedacht. Da kommt noch was", meint Jochen. Lecker. Einfache Hausmannskost mit lokalem Ambiente.
Gut gesättigt, pedaliere ich zum Campingplatz und bin voller Vorfreude auf eine heiße Dusche. Und was muss ich sehen? Der Laden hat geschlossen.
Der nächste Platz würde einen Umweg von heute 8 km bedeuten und morgen nochmal. Meine Frau meint, dass wäre für mich doch wohl kein Problem. Doch, ist es.
Auf dem Weg nach Kemnitz frage ich bei bereits einsetzender Dunkelheit einen Landwirt, ob ich bei ihm mein Zelt aufschlagen darf. Das wird bejaht. Ich bin zufrieden. Meine Frau ist zufrieden. Bis morgen...
LG, Björn
Tag 2
Gegen 8 Uhr verlasse ich den Campingplatz in Travemünde. In der morgendlichen Frische fahre ich das kurze Stück bis zur Priwallfähre, mit welcher ich übersetze. Zwischen Priwall und Dassow suche ich mir eine idyllisch gelegene Bank mit freiem Blick ins Grüne, koche Kaffee und ein warmes Frühstück. Zwar einen Tick aufwendiger, als sich einfach in einen Bäcker zu setzen, dafür darf ich den Vögeln beim Zwitschern zuhören.
Gut gestärkt ist Zeit für ein wenig Musik. Nachdem ich gestern die 80er habe aufleben lassen, lege ich nun meine "Calm down" Playlist auf. Die funktioniert nicht nur auf Korsika, sondern auch auf einsamen, sehr einsamen Wegen im Osten. "I wanna perfect body. I wanna perfect soul" haucht Kinna Grannis mir in den Gehörgang. Da hebe ich doch gleich mal die Hand. Und im "Wonderful life" Cover von Katie Melua heißt es: "Everywhere is magic". Dem kann ich nur zustimmen. Sind es doch oftmals die kleinen Dinge, die das Radreisen so schön machen. Sei es die über den Weg huschende Echse oder dass ich 50 bis 100 m einen fliegenden Spatz hinterherfahren darf oder ein rotes Eichhörnchen, das den Baumwipfel erkli und dabei geschickt von Ast zu Ast springt. Das große Glück in kleinen Dingen ð
Über den Eingängen einiger alten Häusern findet man ja manchmal das Jahr, in welchem sie erbaut wurden und oft dazu auch ein Bibel Zitat oder Segensspruch. In Kirch-Mummendorf sehe ich ein in 2018 errichtetes Haus und neben der Jahreszahl steht: "Vielleicht wird alles vielleichter". Amüsant. Und nicht unpassend für die heutige Zeit. Impliziert dieser Satz doch, dass alles relativ ist bzw relativer wird. Allgemein verbindliche Normen gehen verloren. Hmmm... Mag zwar sein, dass alles "vielleichter" wird, doch "viel leichter" wird es damit nicht zwingend. Meine ich jetzt einfach mal.
Ich befahre zunehmend sandigere Abschnitte und bin ich froh, nicht mehr die Semislicks auf den Felgen zu haben, die ich bisher gefahren habe. Als die runter waren, entschied ich mich für etwas profiliertere Reifen mit hoffentlich auch mehr Pannenschutz. Natürlich laufen sie auf Asphalt nicht mehr ganz so schnell und schon gar nicht mehr so ruhig, doch hier im sandigen Osten sind sie die richtige Wahl. Ich frage mich wie die wahren Helden des Hanse Gravel - also die am kommenden Donnerstag Startenden - diese Abschnitte mit ihren wahrscheinlich schmaler bereiften Gravel Bikes bewältigen werden. Wahrscheinlich rauschen sie einfach drüber, während ich selbst mit meiner 2-Zoll-Bereifung wie ein Bewegungs- Legastheniker im Sand rumeiere.
Ich komme an einen mit Kunst und/oder Skulpturen gesäumten Weg vorbei. Kunst schaue ich ja gerne, auch wenn mir oft der Zugang dazu fehlt. Aber so nehme ich auch noch ein wenig Kultur mit.
Um 13:30 Uhr wähle ich mich mit dem Handy in die Versammlung ein. Das ist das erste Mal, dass ich eine Zusammenkunft radelnd erlebe. Ein Satz aus dem Vortrag bleibt mir besonders in Erinnerung: "Der Mann ist das Haupt. So." Ganz wunderbar, wie der Redner das hinterher geschoben "So" betont. Mit der gebotenen Eindringlichkeit. Ich nehme mir vor, da bei der nächsten Unstimmigkeit mit meiner lieben Frau auch mal zu versuchen. Einfach den Satz rausholen: "Ich bin das Haupt. So." Ich male mir schon aus, wie sie gleich untertänigst gehorcht. So weit die Theorie. In der Praxis machen wir es dann wahrscheinlich so wie sie es will.
Vor Wismar geht es ein gutes Stück an der Ostseeküste entlang. Der Weg ist wieder sehr ständig und keineswegs menschenleer. Aber schön ist es. Durch Wismar radel ich recht zügig durch. Das macht auf mich alles keinen so netten Eindruck, mag auch aber an meiner allgemeinen Abneigung gegenüber Städten liegen.
So richtig was gerissen habe ich heute noch nicht, bin aber dennoch so erschöpft, dass ich mich ein paar Minuten auf den warmen Asphalt des Radweges lege. Hinter Wismar ist nicht mehr viel los, so kann niemand meine Schande beobachten.
Neubukow durch, frage ich mich, wo ich wohl einen Campingplatz finde. Schlauerweise habe ich meine sorgfältig ausgearbeitete Camping Liste zu Hause gelassen. Und Internet gibt es hier gerade im Wald keines. Manchmal muss man Dinge auch auf sich zukommen lassen.
Ein sehr langsam fahrender Pkw blockiert meinen Fahrradweg. Ich komme näher und sehe, dass neben dem Pkw ein Hund her läuft. Der Hundebesitzer führt also seinen Hund Gassi mit dem Auto. Habe ich so auch noch nicht gesehen ððĪĢ
Es geht durch Kröpelin und Bad Doberan. Auf dem Friedhof fülle ich meine Wasserflaschen auf. Laut Internet findet sich weit und breit kein Campingplatz. Erst hinter Rostock würde ein Campingplatz annähernd an der Route liegen.
Ich fahre durch den Wald, die Sonne geht unter. Im Wald wird es so düster, dass mir jetzt schon unheimlich ist. Nach Verlassen des Waldes setze ich mich auf die nächstbeste Bank und werfe den Gaskocher an. Ich brauche etwas Warmes und erhitze eine Gulaschsuppe für 79 Cent aus dem Aldi. Noch nie gegessen, aber heute Abend zusammen mit einem Brötchen ein Gaumenschmaus. Selbst leicht angebrannt.
Nach dem Essen ist die Sonne untergegangen. Ich ziehe die Jacke an und sattel auf. Natürlich bin ich z. B. auf dem Weg zur Arbeit bereits oft im Dunkeln gefahren, aber heute ist es das erste Mal auf einer mehrtägigen Tour. Aufregend.
Ich rolle in Rostock ein. Vorbei am Zoo und der Stadthalle. So fast ohne Verkehr auf den Straßen, dass hat was. Der Track macht einen kleinen Schlenker. Aha, zum Penny geht es hier. Der hat natürlich zu, dafür entdecke ich eine schön fotogene Wand, vor der ich mein Rad knipse.Ich komme an etlichen Hotels vorbei, doch widerstehe der Versuchung, ein Zimmer zu nehmen. Das übersteigt nun wirklich mein Budget. Dafür setze ich mich in eine Bar und trinke einen Kaffee gegen die Müdigkeit.
Wo es mich heute Nacht wohl noch hin verschlägt? Ich berichte morgen und verabschiede mich erstmal...
Hallo Rene, gestern bin ich meinen persönlichen Hansegravel gestartet. Da ich die Daheimgebliebenen von unterwegs immer ein wenig mit meinen Erlebnissen unterhalte oder belästige, je nachdem wie man es sieht, schicke ich dir mal meinen Prolog und den ersten Tagesbericht. Vielleicht für dich ja auch ganz interessant. Gestern bin ich den ersten Abschnitt gefahren. Ihr habt da eine traumhafte Route zusammengestellt. Ganz vielen, vielen Dank für die Mühe.
Im Juli 2018 nutzen wir ein langes Wochenende um den Hanseatenweg von Hamburg nach Stettin zu fahren. Wir hatten 3 Tage super Wetter und jede Menge Spaß. Die Strecke ist wunderschön zu fahren, sehr abwechslungsreich, bietet jede Menge Schotter, eine gute Infrastruktur, traumhafte Natur und perfekte Bedingungen für An-und Abreise.
All das und noch viel mehr ließ uns daraus den HanseGravel ins Leben rufen. Es wäre wirklich zu Schade diese tolle Erfahrung nicht mit Euch zu teilen.
Die Strecke ist perfekt mit einem Gravel Bike oder MTB zu fahren, im Mecklenburger Sand kann jeder Zentimeter Reifenbreite helfen besser voran zu kommen und auf so manchen Kopfsteinpflaster Passagen die Handgelenke schonen.